90 Jahre Frauenwahlrecht und Clara ZetkinEine leidenschaftliche Verfechterin der Frauenrechte
Die zu Unrecht vergessene Sozialstin war eine schillernde Gestalt. Die Anfänge der Frauenbewegung sind wesentlich von ihr geprägt worden.
Von Politik und Öffentlichkeit kaum beachtet ist Mitte Januar 2009 ein historisches Datum vorbei gegangen: Vor 90 Jahren – am 19. Januar 1919 - durften erstmals in Deutschland Frauen wählen. Dass dieser Wahltag fast mit dem im Kaiserreich als „Reichsgründungstag“ begangenen 18. Januar zusammenfiel, war wohl eher Zufall. Der Übergangssregierung des "Rates der Volksbeauftragten" in der Revolutionszeit hatte ursprünglich ein Wahltermin zur Verfassunsgebenden Nationalversammlung erst im Februar 1919 vorgeschwebt. Aber der im Dezember 1918 zusammen getretene Erste – und einzige - Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte beschloss, den Wahltermin um einen Monat vorzuzeihen – auch in der Hoffnung, so das Rätesystem fest etablieren zu können. Modernes WahlgesetzDas Wahlgesetz sprach das Wahlrecht a l l e n Deutschen vom 20. Lebensjahr an zu. Bis dahin hatten nur Männer ab 25 Jahre wählen dürfen. Dies auch nur zum Reichstag – im Preußen galt ein höchst altertümliches Dreiklassen-Wahlrecht. Um das Wahlrecht der Frauen hatte es heiße Auseinandersetzungen gegeben. Eine der leidenschaftlichsten Vorkämpferinnen war die heute – zu Unrecht – mehr oder minder vergessene Sozialistin Clara Zetkin. Sie war als Clara Eißner in einem sächsischen Dorf geboren worden. Als eine der ersten deutschen Frauen konnte sie den Beruf der Lehrerin ergreifen. Schon während ihres Studiums wurde sie mit der Frauenrechtsbgewegung bekannt und fand in Leipzig Anschluss an russische Studenten, die hier im Exil lebten und vom Sozialismus träumten. Dort lernte sie auch ihren späteren Lebensgefährten Ossip Zetkin kennen und lieben. Ihre politische Heimat – Frauen durften Parteien noch nicht beitreten – wurde die Sozailistische Arbeiterpartei Deutschlands SAP, die während der Bismarckschen Sozialistenverfolgung verboten wurde. Schillerndes Leben1883 übersiedelte Clara zu Ossip nach Paris. Sie nahm zwar seinen Namen an, heiratete ihn jedoch nicht, um ihre sächsische Staatsbürgerschaft nicht zu verlieren - damals unvermeidlich, wenn eine Frau einen Ausländer heiratete. Hier kamen ihre zwei Kinder Maxim und Kostja zur Welt. Die Familie lebte am Rande des Existenzminimums und überlebte nur dank der Solidarität von vor allem russischen Freunden, die sich ebenfalls in der sozialistischen Bewegung engagierten. In den Jahren ihres Aufenthalts lernte Clara Zetkin den Beruf einer Journalistin und Übersetzerin. Sie machte die Bekanntschaft der Führer der internationalen Arbeiterbewegung, erweiterte ihren Horizont und eignete sich die Grundzüge des Marxismus an. Als Ossip schwer erkrankte, erlebte Clara ihre schwerste Zeit: Zusätzlich zur Betreuung der Kinder und der Sorge um den Familienunterhalt pflegte sie ihren halbseitig gelähmten Mann, der 1889 starb. Theoretikerin der FrauenfrageAuf der II. Internationale 1889 in Paris, die sie mitorganisiert hatte, hielt Zetkin ein Referat über die Frauenfrage, das dazu beitrug, die Frauen noch stärker in die sozialistische Bewegung einzubeziehen. Ihr im gleichen Jahr erschienenes Buch "Die Arbeiterinnen- und Frauenfrage der Gegenwart" legte die Grundlagen für die Frauenemanzipationstheorie der Sozialisten. Sie vertrat darin die These, dass Sozialismus und Feminismus eng miteinander verbunden seien. Zetkin verteidigte scharf das Recht der Frau auf Arbeit, auch gegenüber den eigenen Genossen, die der Meinung waren, Frauenarbeit müsse abgeschafft werden, da diese die Löhne der Männer drücke. Die bisherigen Theorien der Sozialisten über die Frauenfrage erweiterte sie um die Ansicht, dass die Frauen auch von der männlichen Vormachtstellung befreit werden müssten. 1890 wurden die Sozialistengesetze aufgehoben. Zetkin kehrte nach Deutschland zurück. Hier wurde ihr 1892 die Redaktion der sozialdemokratischen Zeitung für Frauen "Die Gleichheit" angeboten, die sie 25 Jahre lang leitete. Gleichzeitig begann sie mit der Redaktion der Frauenbeilage der "Leipziger Volkszeitung". Damit bildete sie das geistige Zentrum und das Sprachrohr der wachsenden proletarischen Frauenbewegung. Sie bemühte sich um eine Politisierung der Arbeiterinnen im Sinne des Sozialismus. Kampf für die Rechte der FrauClara Zetkin kämpfte um die ökonomische Unabhängigkeit der Arbeiterinnen und aller Frauen. Damit verbunden war das Recht auf gleiche Löhne bei gleicher Arbeit, auf gewerkschaftliche Organisierung und Interessenvertretung sowie staatliche Kinderbetreuung. Gleichzeitig sollten Frauen gleiche politische Rechte erhalten. Später als die bürgerlichen Frauen, jedoch mit Vehemenz, trat sie für das Frauenwahlrecht ein und setzte sich dafür ein, dass diese Forderung in das Programm der deutschen Sozialdemokraten aufgenommen wurde. Der Internationale Frauentag, der 1911 erstmals gefeiert wurde, geht auf ihre Anregung zurück. Zetkin befürwortete Ehescheidung, "freie Liebe" und Schwangerschaftsabbrüche als private Entscheidung und trat gegen die doppelte Moral auf. Sie selbst heiratete 1900 den 18 Jahre jüngeren Dichter und Maler Friedrich Zundel und lebte mit ihm und ihren beiden Söhnen in Stuttgart. Trennung von der SPDAls die Führungsspitze der Sozialdemokraten den Krieg befürwortete, stellte sich Zetkin offen dagegen und bekämpfte von Anfang an deren reformistischen Kurs. Als sie Flugblätter mit den Forderungen der Frauenkonferenz zur Beendigung des Krieges in Deutschland verteilen ließ, wurde sie verhaftet und des Landesverrats angeklagt, jedoch aufgrund ungeheuren Protests aus der Haft entlassen. Der parteiinterne Richtungsstreit der deutschen Sozialdemokraten, der sich an der Kriegsfrage entzündet hatte, endete in einer Spaltung: Die Gruppe der "radikalen Linken" um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg gründete 1917 die sogenannte "Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD)", später die KPD, die Kommunistische Partei Deutschlands. Zu dieser Gruppe gehörte auch Clara Zetkin, die eine enge Freundin von Luxemburg war. Die Redaktion der "Gleichheit" wurde ihr daraufhin entzogen. In der KPD war sie von 1919 bis 1924 Mitglied des Zentralkomitees, wo sie den gemäßigten Flügel der Partei vertrat. Gleichzeitig begann sie mit dem Aufbau einer KPD-Frauenbewegung. Wieder redigierte sie parteinahe Frauenzeitungen (z.B. "Die Kommunistin"). 1921 wurde sie auf der Zweiten Internationalen Frauenkonferenz zur Leiterin des Westeuropäischen Internationale Reichstagsabgeordnete1920-1933 saß sie als Abgeordnete für die KPD im Deutschen Reichstag, dessen Alterspräsidentin sie war. In dieser Eigenschaft warnte sie noch 1932 in einer berühmt gewordenen Rede vor der Gefahr des Nationalsozialismus und forderte ein Zusammenschluss aller demokratischen Kräfte. Grab an der KremlmauerIhr ständiger Wohnsitz war aber seit 1924 Moskau. Dort leitete sie das Frauensekretariat der III. Internationale. Als Gegnerin Stalins geriet sie hier, obwohl sie Gegenstand offizieller Ehrungen blieb, in politische Isolierung. Auch im hohen Alter und von Krankheit gezeichnet blieb sie bis zu ihrem Tod 1933 in Archangelskoje politisch unermüdlich tätig. Sie wurde an der Kremlmauer beigesetzt.
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